Der DORSCH in der 18. Auflage: das Standardwerk der Psychologie!

Schriftsprache

Online-Eintrag zitieren

Weingarten, R. (2017). Schriftsprache. In M. A. Wirtz (Hrsg.), Dorsch – Lexikon der Psychologie. Abgerufen am 20.08.2017, von https://portal.hogrefe.com/dorsch/schriftsprache/


Aus dem Buch zitieren

Weingarten, R. (2014). Schriftsprache. In M. A. Wirtz (Hrsg.), Dorsch – Lexikon der Psychologie (18. Aufl., S. 1493). Bern: Verlag Hogrefe Verlag.
Vorsicht: Dieser Eintrag wurde seit der letzten Buchpublikation online aktualisiert.

Prof.Dr. R. Weingarten

Universität Bielefeld, Germanistische Linguistik und Sprachdidaktik, Universitätsstraße 25 D-33615 Bielefeld
ruediger.weingarten@uni-bielefeld.de

Literatur

Weingarten, R. (2011). Comparative graphematics. Written language and literacy, 14 (1), 12–38.

Coltheart, M., Rastle, K., Perry, C., Langdon, R. & Ziegler, J. (2001). DRC: A dual route cascaded model of visual word recognition and reading aloud. Psychological Review, 108, 204–256.

Goody, J. (1987). The interface between the written and the oral. New York: Cambridge UP.

(= S.) [engl. written language], [KOG, PÄD], ist die geschriebene Form einer Sprache gegenüber ihrer gesprochenen Form; in einer weiteren Verwendung auch als Bez. einer Sprache, die über eine geschriebene Form verfügt im Unterschied zu einer schriftlosen Sprache. S. als die geschriebene Form einer Sprache umfasst einerseits diejenigen sprachlichen Ausdrucksformen, die typisch für geschriebene Sprache sind. Diese werden durch die besonderen Bedingungen der schriftlichen Sprachproduktion (Schreiben) und -rezeption (Lesen) möglich bzw. notwendig. In den meisten Fällen erfolgt das Schreiben langsamer als das Sprechen und insbes. hat der Schreiber die Möglichkeit, das bereits Geschriebene noch einmal zu lesen und damit seinen verbalen Arbeitsspeicher (Arbeitsgedächtnis) zu entlasten. Dadurch ist es in der S. leichter, grammatisch (Grammatik) komplexere Sätze oder Texte zu produzieren. Umgekehrt kann ein Leser gegenüber einem Hörer komplexere sprachliche Ausdrücke verarbeiten, da er die Lesegeschwindigkeit der Textschwierigkeit anpassen und schwer zu verarbeitende Abschnitte erneut lesen kann. In den meisten Kulturen hat die S. ein höheres Prestige bzw. wird als high variety angesehen. Damit steht auch in Zusammenhang, dass sprachliche Normvorstellungen häufig an der S. ausgerichtet werden.


Andererseits umfasst die S. das Schriftsystem, das aus einem Inventar von Zeichen und Regeln besteht (Weingarten 2011). Die Schriftzeichen oder Grapheme repräsentieren sprachliche Einheiten oder Strukturen; die Regeln geben an, wie die sprachliche und die graphemische Ebene aufeinander zu beziehen sind. Im Falle der graphemischen Repräsentation segmental-lautlicher Einheiten spricht man von einem Phonem-Graphem-Konversionsmechanismus. Viele Schriftsysteme wie etwa das Deutsche beziehen sich nicht nur auf Phoneme, sondern auch auf silbische oder syntaktische Strukturen (Syntax).


Neben dem Schriftsystem nimmt man für die meisten S. ein orthografisches Lexikon an, in dem mindestens diejenigen schriftlichen Ausdrücke enthalten sein müssen, die nicht nach dem Regelsystem gebildet werden. Neben diesen irregulär gebildeten Ausdrücken enthält das orthografische Lexikon auch weitere häufig verarbeitete Ausdrücke. Dies schlägt sich in der Sprachverarbeitung als Frequenzeffekt so nieder, dass häufig verarbeitete Ausdrücke schneller verarbeitet werden (z.B. in Reaktionszeit- oder Lesezeitmessungen). Die Kombination aus regelbasierter und lexikonbasierter schriftlicher Sprachverarbeitung führte zur Entwicklung des Zwei-Wege-Modells (Lesen, Zwei-Wege-Modell, Coltheart et al. 2001). Die schriftliche Sprachproduktion kann z.B. durch die Messung des Zeitverlaufs des Schreibens untersucht werden. Eine wichtige Untersuchungsmethode der schriftlichen Sprachrezeption ist die Augenbewegungsforschung (Blickbewegungsmessung). S. gegenüber schriftlosen Sprachen stehen in Zusammenhang mit zahlreichen sozialen und kognitiven Entwicklungen, die häufig im Begriff Literalität gegenüber Oralität zus.gefasst werden. Komplexe soziale Einrichtungen in Recht, Wirtschaft, Religion oder Wissenschaft setzen eine ausgebaute Literalität voraus. Unter kognitiver Perspektive trug Literalität zur Ablösung von oral tradiertem und in formelhafter Sprache verfasstem Wissen bei und begünstigte argumentative Formen der Wissenskommunikation (vgl. Goody 1987).


Autor/en

R. Weingarten

Literatur

Weingarten, R. (2011). Comparative graphematics. Written language and literacy, 14 (1), 12–38.

Coltheart, M., Rastle, K., Perry, C., Langdon, R. & Ziegler, J. (2001). DRC: A dual route cascaded model of visual word recognition and reading aloud. Psychological Review, 108, 204–256.

Goody, J. (1987). The interface between the written and the oral. New York: Cambridge UP.