Medienpsychologie

Online-Eintrag zitieren

Huff, M. (2019). Medienpsychologie. In M. A. Wirtz (Hrsg.), Dorsch – Lexikon der Psychologie. Abgerufen am 22.08.2019, von https://portal.hogrefe.com/dorsch/gebiet/medienpsychologie/


Aus dem Buch zitieren

Huff, M. (2019). Medienpsychologie. In M. A. Wirtz (Hrsg.), Dorsch – Lexikon der Psychologie (18. Aufl., S. ). Bern: Verlag Hogrefe Verlag.

Huff, M.

Gebietsüberblick


Markus Huff


Die Medienpsychologie beschäftigt sich mit dem Einfluss von Medien auf das Erleben und Verhalten von Menschen. Dabei wird unter einem Medium ein technisches System zur Übertragung von Informationen verstanden, das den Kommunikationsprozess in seiner Gesamtheit betrifft (Posner, 1986). Medien können nach den verwendeten Zeichensystemen unterschieden werden (z. B. Text-, Audio-, Bildmedien). Jedes Medium hat seine spezifischen Eigenschaften und Beschränkungen. Beispielsweise kann ein geschriebener Text keine bildhaften Inhalte vermitteln und eine Fotografie keine dynamischen Sachverhalte abbilden. Die Medienpsychologie beschäftigt sich sowohl mit Massenmedien (z. B. Fernsehen) als auch mit Individualmedien (z. B. E-Mail). Sie beschreibt sowohl die Prozesse der Medienrezeption als auch Auswirkungen der Mediennutzung auf Erleben und Verhalten. Sehr frühe Studien im Bereich der Medienpsychologie untersuchten die Nutzung und Wirkung von Medien – z. B. Film (Münsterberg, 1916), Printmedien (Moede, 1930) oder Radio (Cantril & Allport, 1935). Jedoch existierte die Medienpsychologie bis in die 1970er-Jahre nicht als eigenständige Disziplin. Eine Kontur als psychologische Teildisziplin gewann sie erst Ende der 1970er-Jahre mit der Entwicklung einer eigenen Programmatik. Der Hauptfokus lag zunächst auf der Film- und Fernsehforschung, ab Mitte der 1980er-Jahre auch auf Untersuchungen zu computergestützten Medien. Obwohl die Film- und Fernsehforschung nach wie vor eine wichtige Rolle spielt, dominieren seit Beginn des 21. Jahrhunderts Untersuchungen zu den Bereichen Computer und Internet. In neuerer Zeit werden auch Hybridformate wie Infotainment und Edutainment sowie soziale Medien (z. B. Twitter, Facebook) aufgegriffen. Grundsätzlich ist die Vorgehensweise der Medienpsychologie experimentell ausgerichtet. Dabei kommen sowohl labor- als auch quasi-experimentelle Versuchspläne zum Einsatz. In der Medienpsychologie wird eine große Vielfalt an Methoden verwendet. Bezüglich der Datenerhebung werden Methoden, die einen spezifischen Zustand (z. B. nach der Medienrezeption), und Methoden, die den Prozess der Medienrezeption (z. B. während des Fernsehschauens) untersuchen, unterschieden. Zur Untersuchung von spezifischen Zuständen kommen u. a. Fragebögen (z. B. Wissenstests) zum Einsatz; Prozesse werden mittels Methoden der Verhaltensbeobachtung, des lauten Denkens, Blickbewegungsmessungen (Eye-Tracking) und physiologischen Maßen untersucht. Inhaltsanalytische Methoden werden eingesetzt, um Medieninhalte nach spezifischen Kriterien zu klassifizieren und zu quantifizieren.


Medienrezeption


Die Forschung zur Medienrezeption beschäftigt sich mit der Nutzung von Medien sowie mit der Wahrnehmung und der emotionalen und kognitiven Verarbeitung und Wirkung von Medieninhalten. Modelle der Medienwahl fokussieren die Frage, weshalb Menschen bestimmte Medien(-inhalte) nutzen. Es wird angenommen, dass Rezipienten Medien u. a. auswählen, um Bedürfnisse zu befriedigen (Uses-and-Gratifications-Ansatz) oder um die eigene Stimmung zu beeinflussen (Mood-Management-Theory, Sad-Film-Paradoxon). Außerdem wird angenommen, dass Personen Kommunikationsmedien gezielt so auswählen, dass sie für die jeweils zu erfüllende Aufgabe besonders gut geeignet sind (Media Richness Theory, Media Synchronicity Theory). Modelle der Medienwirkung beschäftigen sich einerseits damit, wie Massenmedien die Bedeutsamkeit bestimmter Themen in der öffentlichen Wahrnehmung (Agenda-Setting) oder auch den Bildungsstand in einer Gesellschaft (Wissenskluft-Hypothese) beeinflussen. Andererseits befassen sich Medienwirkungstheorien mit der Frage, wie sich Massenmedien auf die Einstellungen und Wahrnehmungen von Medienrezipienten auswirken (Kultivierungshypothese).


Forschungsfeld medienbasierte Kommunikation


In der Forschung zur medienbasierten Kommunikation wird oftmals eine ausdrückliche Abgrenzung von der traditionellen Face-to-Face-Kommunikation vorgenommen. Auch in diesem Bereich gibt es Modelle, die sich mit der Auswahl der Medien befassen. Andere Theorien zielen auf die sozialen Auswirkungen der medienbasierten Kommunikation. Während frühe Theorien wie der Reduced-Social-Cues-Ansatz medial vermittelte Kommunikation aufgrund fehlender sozialer Hinweisreize als grundsätzlich defizitär betrachten, machen jüngere Ansätze hierzu differenziertere Aussagen: Dem SIDE-Modell zufolge hängen die sozialen Auswirkungen der medienbasierten Kommunikation von der bei einer Person jeweils vorherrschenden (sozialen oder personalen) Identität sowie vom Grad der Anonymität und Identifizierbarkeit in der Kommunikationssituation ab. Die Theorie der sozialen Informationsverarbeitung nimmt an, dass auch bei textbasierter Kommunikation zwischenmenschliche Informationen vermittelt werden können, wenn entsprechende Kommunikationsstrategien verwendet werden.


Forschungsfeld Wissenserwerb mit Medien


In diesem Forschungsfeld werden individuelle, kollaborative und kooperative Prozesse des Wissenserwerbs untersucht. Besondere Bedeutung hat in den letzten Jahren die Forschung zum computerunterstützten Wissenserwerb (E-Learning) erlangt. Im Bereich des individuellen Lernens mit Medien spielt die Forschung zur kognitiven Verarbeitung multimedialen Lernmaterials eine wichtige Rolle. Die in diesem Zusammenhang entwickelten Theorien beschreiben dabei nicht nur, wie extern dargebotene Repräsentationen (multiple externe Repräsentationen) im menschlichen Arbeitsgedächtnis verarbeitet werden, sondern machen auch Vorschläge hinsichtlich der lernförderlichen Gestaltung von Lernmaterial (Cognitive Load Theory, Cognitive Theory of Multimedia Learning, Multimedia). Weitere Bereiche des Lernens mit Medien befassen sich mit bestimmten Formen der Darstellung von Informationen mithilfe von Computern (Animation, Hypermedia, Visualisierung) oder auch mit den Möglichkeiten eines Lerners, mediale Darbietungen zu beeinflussen (Interaktivität). Eine Forschungsrichtung befasst sich mit Möglichkeiten der Wissensvermittlung mithilfe von Computerspielen (Game Based Learning, Serious Games). Als zentrale Voraussetzung für erfolgreichen Wissenserwerb mit Medien gilt die Bereitschaft eines Lernenden, mentale Anstrengung zu investieren, um medial dargebotene Informationen kognitiv zu verarbeiten (AIME). Im Bereich des computerunterstützten kooperativen Wissenserwerbs (CSCL) werden Möglichkeiten untersucht, das Lernen in Gruppen mithilfe von Computern zu unterstützen.


Überblicksquelle


Batinic, B. & Appel, M. (2008). Medienpsychologie. Heidelberg: Springer.


Zitierte Literatur


Cantril, H. & Allport, G. W. (1935). Psychology of Radio. New York: Harper & Brothers.

Moede, W. (1930). Zur praktischen Psychologie des Zeitunglesers. Zeitungs-Verlag, 31(21), 6–10.

Münsterberg, H. (1916): Das Lichtspiel. Eine psychologische Studie. Neu erschienen in J. Schweinitz (Hrsg.), Das Lichtspiel. Eine psychologische Studie. Und andere Schriften zum Kino (S. 29–103). Wien: Synema.

Posner, R. (1986). Zur Systematik der Beschreibung verbaler und nonverbaler Kommunikation. Semiotik als Propädeutik der Medienanalyse. In H.-G. Bosshardt (Hrsg.), Perspektiven auf Sprache. Interdisziplinäre Beiträge zum Gedenken an Hans Hörmann (S. 293–297). New York: DeGruyter.


Autor/en

Huff, M.