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Entwicklungspsychologie

Online-Eintrag zitieren

Schwarzer, G., Walper, S. (2017). Entwicklungspsychologie. In M. A. Wirtz (Hrsg.), Dorsch – Lexikon der Psychologie. Abgerufen am 24.02.2017, von https://portal.hogrefe.com/dorsch/gebiet/entwicklungspsychologie/


Aus dem Buch zitieren

Schwarzer, G., Walper, S. (2017). Entwicklungspsychologie. In M. A. Wirtz (Hrsg.), Dorsch – Lexikon der Psychologie (17. Aufl., S. ). Bern: Verlag Hans Huber.

Schwarzer, G., Walper, S.

Gebietsüberblick

Ablösung Adoleszenz Akkommodation Anlage-Umwelt Äquilibration, Equilibration Arbeitsgedächtnis im Kindesalter Assimilation Autonomieentwicklung Bindung Bindungsverhalten deklarativ-metakognitives Wissen, Entwicklung deklarativ-metakognitives Wissen, Vorläufer Egozentrismus des Kindes Eltern-Kind-Beziehung Empty-Nest-Situation Entwicklung, emotionale Entwicklung, handlungstheoretische Ansätze Entwicklung, Informationsverarbeitungsansätze Entwicklung, kognitive Entwicklung, lerntheoretische Ansätze Entwicklung, moralische Entwicklung, motivationale Entwicklung, motorische Entwicklung, ökologischer Ansatz nach Bronfenbrenner Entwicklung, pränatale Entwicklung, psychosexueller Ansatz nach Freud Entwicklung, psychosozialer Ansatz nach Erikson Entwicklung, reifungstheoretischer Ansatz Entwicklung, sensorische Entwicklung, soziale Entwicklung, soziokultureller Ansatz nach Wygotski Entwicklung, Stufentheorie nach Piaget Entwicklung, Theorie dynamischer Systeme Entwicklungsaufgaben Entwicklungsdiagnostik Entwicklungsförderung Entwicklungsphasen, -stufen Entwicklungspsychologie, personenorientierte Entwicklungsscreening Entwicklungstests Epistemologie, genetische Familienbildung Familienentwicklungsaufgaben Familiensystem, Interaktion Fremdenreaktion Gedächtnisprozesse im Säuglingsalter Geschwisterbeziehungen Identität, entwicklungspsychologische Perspektive Identitätsentwicklung Identitätsmodell von Marcia kognitive Veränderungen im Alter, biologische Korrelate Lebenslauftheorie der Kontrolle Lebensspannenpsychologie Lernmechanismen, angeborene Lernpotenziale im Alter phonologische Bewusstheit Psychologie des Alterns Pubertät Reifung Säuglingsforschung Selbstkonzept, Entwicklung Selektion, Optimierung und Kompensation, Modell der (SOK-Modell) soziale Kognition, Entwicklung sozio-emotionale Selektivitätstheorie Sprachentwicklung Sterben Zwillingsstudien

Gudrun Schwarzer & Sabine Walper


Die Entwicklungspsychologie befasst sich mit der Beschreibung und Erklärung intraindividueller Veränderungen im menschlichen Erleben und Verhalten über die gesamte Lebensspanne, von der vorgeburtlichen Entwicklung bis zum Tod. Allgemeines Ziel dabei ist eine umfassende Erfassung und kritische Betrachtung verschiedener Phänomene und Bereiche, um schließlich eine breite Basis an Befunden zum besseren Verständnis und ggf. zur Optimierung verschiedenster intraindividueller Veränderungen im menschlichen Erleben und Verhalten über die Lebensspanne bereitstellen zu können. Bezüglich der Verortung der Entwicklungspsychologie im Gesamtfeld der Psychologie besteht – je nach Fragestellung und fokussiertem Inhaltsbereich – ein enges Zusammenspiel mit verschiedenen Aspekten der Allgemeinen Psychologie (im Kontext von z. B. Wahrnehmung, Sprache, Kognition oder Emotion), der Sozialpsychologie (im Bereich der Gruppen, Freundschaften oder des Sozialverhaltens), der Pädagogischen Psychologie (z. B. bezüglich Gestaltung altersangemessener Bildungsangebote und Lernumgebungen), der Differentiellen Psychologie (z. B. in Bezug auf Intelligenz- und Kreativitätsprozesse) sowie der Entwicklungspsychopathologie (z. B. im Kontext verschiedener Entwicklungsbeeinträchtigungen bzw. -störungen).


Theorien der Entwicklungspsychologie und Mechanismen der Veränderung


Theorien, Entwicklungsmodelle und Veränderungsmechanismen beziehen sich auf zentrale Denkansätze der Entwicklungspsychologie. Hierbei steht die Frage im Vordergrund, welche Prozesse und Prinzipien – wie z. B. Reifung, Lernen und auch die Frage nach der Interaktion und Kovariation von Genom und Umwelt – als Grundlage für Veränderungen des menschlichen Erlebens und Verhaltens im Laufe der Ontogenese angenommen werden können. Reifungstheoretische Ansätze beruhen auf der Annahme, dass Veränderungen endogen und nach genetisch festgelegtem Muster erfolgen, welche schließlich über die Entfaltung der biologischen Strukturen auch die Entwicklung psychischer Funktionen eines Menschen bedingen. Psychoanalytische (psychosexuelle und psychosoziale) Ansätze nehmen an, dass der Mensch eine Reihe von Stadien (Entwicklungsphasen, -stufen) durchläuft, in denen er mit alters- bzw. entwicklungsgradierten psychosozialen bzw. psychosexuellen Konflikten (z. B. zwischen seinen biologischen Trieben und den gesellschaftlichen Erwartungen) konfrontiert ist, die als Schrittmacher für Entwicklung fungieren. Lerntheoretische Ansätze betrachten v. a. die Bedeutung der Umwelt und betonen die Bedeutung von Verstärkung als zentrales Element der Verhaltenssteuerung. Hierbei kann zwischen traditionellen behavioristischen Ansätzen und sozial-kognitiven Lerntheorien (z. B. Beobachtungslernen) unterschieden werden, die soziale, kognitive sowie motivationale Aspekte mit einbeziehen. Konstruktivistische Ansätze betonen, dass der Mensch seine Umwelt aktiv erschließt, diese auf eine bestimmte Art wahrnimmt und interpretiert, ggf. verändert und sich somit ein Bild oder Modell der Welt aktiv konstruiert. Soziokulturelle und ökologische Ansätze betonen vorrangig die Rolle der direkten und indirekten Entwicklungsumwelten und betrachten Entwicklung als Resultat von Erfahrungen in sozialen Rollen, Beziehungen und Interaktionen in unterschiedlichen Kontexten. Handlungstheoretische Ansätze gehen davon aus, dass die Entwicklung durch bestimmte Aufgaben oder Tätigkeiten gefördert wird und sich durch das Setzen von Zielen, durch absichtsvolle Handlungen und durch die damit verbundene Erfahrung vollzieht. Informationsverarbeitungsansätze nehmen die Prozesse des Wahrnehmens und Denkens und die einzelnen Verarbeitungsschritte als zentral für die menschliche Entwicklung an.


Ontogenetische Veränderungen zentraler Funktionsbereiche und Verhaltensmerkmale


Im Kontext ontogenetischer Veränderungen werden zentrale Entwicklungen in verschiedenen Funktionsbereichen beschrieben und unter Einbezug verschiedener Einflussfaktoren möglichst umfassend erklärt. Sensorische Entwicklung bezieht sich auf die alterskorrelierte Veränderung von Sinnessystemen (Sinne, Rezeptoren, Sinnesorgane, neuronale Korrelate). Motorische Entwicklung bezieht sich auf die alterskorrelierte Veränderung von Motorsystemen, mithin also aller Formen von Körperbewegungen, aber auch der Motilität (Beweglichkeit). Kognitive Entwicklung bezeichnet die alterskorrelierte Veränderung des Denkens als Ausdruck höherer geistiger Prozesse wie Schlussfolgern und Problemlösen. Emotionale Entwicklung bezieht sich auf die alterskorrelierte Veränderung des Erlebens, der Verarbeitung und des Ausdrucks eigener emotionaler Zustände sowie Veränderungen im Erkennen und Interpretieren Emotionen anderer. Die Entwicklung der Motivation umfasst altersassoziierte Veränderungen von Motiven wie dem Kompetenzmotiv, dem Autonomiemotiv und dem Motiv nach sozialer Einbindung sowie die Veränderung der Umsetzung solcher Motive. Sprachentwicklung bezieht sich auf die alterskorrelierte Veränderung des prosodischen, phonologischen, morphologischen, syntaktischen, lexikalisch-semantischen sowie des pragmatischen Systems. Die Entwicklung von Identität und Selbstkonzept bezieht sich auf die Veränderung der Wahrnehmungen, Überzeugungen bzw. kognitiven und affektiven Einstellungen zur eigenen Person. Die Entwicklung von Bindung, Beziehung und Sozialverhalten umfasst die alterskorrelierte Veränderung der Fähigkeit, im Kontext von Kommunikation und Kooperation mit anderen Menschen positive, relativ dauerhafte Beziehungen eingehen zu können sowie die Entwicklung pro- oder antisozialer Verhaltenstendenzen.


Altersspezifische Besonderheiten in den verschiedenen Phasen der Lebensspanne


Für die Entwicklungspsychologie ist zudem von Interesse, altersspezifische Besonderheiten des Erlebens und Verhaltens in den verschiedenen Phasen der Lebensspanne zu beschreiben und zu erklären. Dabei rücken u. a. in den Fokus: Die Pränatalphase (als Zeitspanne von der Befruchtung der Eizelle bis zur Geburt, umfasst die Germinal-, Embryonal- und Fötalphase). Hierbei wird betrachtet, welche physischen und psychischen Entwicklungen bereits vor der Geburt des Kindes stattfinden und inwieweit hierfür relevante Einflussfaktoren identifiziert werden können. Das Säuglingsalter (als Altersspanne von der Geburt bis zum Ende des ersten Lebensjahres). Hierbei ist von besonderem Interesse, wie sich die Regulationsfähigkeit des Kindes verändert, wie es sich durch Wahrnehmung und erste motorische und soziale Handlungen die Struktur der Welt erschließt und welche Grundsteine für die weitere Entwicklung in verschiedenen Funktionsbereichen gelegt werden. Die Kindheit (als Phase von der Geburt bis zur Adoleszenz – nach dem Säuglingsalter nochmals in das Kleinkindalter, die frühe Kindheit, die mittlere Kindheit und die späte Kindheit unterteilbar). In der Kindheit können vielfältige Entwicklungen in allen Funktionsbereichen beobachtet werden. Im Fokus stehen neben von den meisten Kindern gezeigten «Meilensteinen» der Entwicklung auch individuelle Entwicklungsverläufe. Einen weiteren wichtigen Aspekt bilden die ersten normativen Übergänge (= zentrale, für die meisten Personen einer bestimmten Kultur eintreffende Lebensereignisse, die in gewisser Weise den Übergang von einer bestimmten Lebensphase in eine nächste kennzeichnen). Zu den Übergängen in der Kindheit zählen – zumindest in westlichen Industrienationen – der Eintritt in ein frühpädagogisches Betreuungsangebot wie z. B. den Kindergarten sowie der Schuleintritt. Adoleszenz (als Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter). Hierbei steht im Fokus, wie sich die Adoleszenten aus ihren kindlichen Abhängigkeiten lösen und in erwachsene Verhaltensweisen und Rollen hineinwachsen. Neben der Bewältigung psychosexueller Veränderungen (Pubertätsentwicklung, Akzeptieren des sich verändernden Körpers) und psychosozialen Entwicklungen (Autonomiegewinnung in Beziehung zu den Eltern, Intensivierung von Freundschaften und Peerbeziehungen, romantische Entwicklung bzw. Aufnahme erster Partnerschaften) stellt die berufliche Orientierung eine zentrale Entwicklungsaufgabe des Jugendalters dar. Das Erwachsenenalter (als Altersabschnitt ab dem 18. oder 19. Lebensjahr – es kann nochmals unterteilt werden in das frühe, mittlere und hohe Erwachsenenalter). Hierbei stehen i. d. R. neben dem Auszug aus dem Elternhaus, dem Fußfassen in beruflichen Kontexten und der Ausdifferenzierung der eigenen beruflichen Rolle vor allem der Aufbau einer festen Partnerschaft sowie die Gründung einer Familie im Vordergrund. Im Alter (als Altersspanne ab ca. 65 Jahren – in der Gerontologie wird zudem zwischen einem dritten Lebensalter und einem vierten Lebensalter bzw. Hochaltrigkeit unterschieden) stehen v. a. der Eintritt in den Ruhestand, der Umgang mit den eigenen sich verändernden zeitlichen, körperlichen und psychischen Ressourcen sowie der Umgang mit dem Verlust von Angehörigen sowie mit dem eigenen Sterben im Fokus.


Weitere zentrale Aspekte der Entwicklungspsychologie


Neben übergreifenden, altersspezifischen Besonderheiten und verallgemeinerbaren ontogenetischen Veränderungen zentraler Funktionsbereiche sind in verschiedenen Lebensphasen auch differentielle Entwicklungsaspekte von entwicklungspsychologischem Interesse. Zunehmend geraten auch differentielle Entwicklungsaspekte im Sinne interindividueller Unterschiede von Entwicklungsverläufen sowie die Frage nach der Stabilität bzw. Variabilität von Entwicklungsprozessen in den Fokus entwicklungspsychologischer Forschungsaktivitäten. Von besonderem Interesse sind hierbei die Fragen, welche unterschiedlichen Verläufe beobachtbar sind sowie welche individuellen und kontextuellen Bedingungsfaktoren (wie z. B. Geschlecht, soziale Herkunft, Beziehungserfahrungen) zu Unterschieden in Entwicklungsverläufen beitragen. Im Kontext entwicklungspsychologischer Stabilitäten und Veränderungen sind zudem Determinanten und Einflussfaktoren auf verschiedenen Ebenen von zentralem Interesse. Auf personaler Ebene zählen hierzu zum einen genetische und körperliche Merkmale wie beispielsweise gesundheitliche bzw. (hirn-)organische Besonderheiten. Zum anderen sind Individualmerkmale auf eher psychologischer Ebene – wie z. B. individuelles Temperament, kognitive Voraussetzungen oder auch Problemlöseverhalten – von zentraler Bedeutung. Die letzte Ebene bilden schließlich verschiedene, dem Bereich der Sozialisation und dem sozialen Umfeld zuzuordnende Faktoren, wie beispielsweise Bindungspersonen, Familie, Peers, institutionelle Umfelder oder kulturelle Gegebenheiten. Die Beantwortung von Fragestellungen der Entwicklungspsychologie ist auf geeignete Forschungsmethoden angewiesen (im Bereich der Fragestellungen, Datenerhebung, der Designs und Auswertungsmethoden), die beständig weiterentwickelt werden, um entwicklungspsychologische Forschungsfragestellungen möglichst umfassend und unter Berücksichtigung bereichsspezifischer Besonderheiten (Alter der Probanden, Abbildung von Verläufen) beantworten zu können.


Überblicksquelle


Hasselhorn, M. & Schneider, W. (Hrsg.). (2007). Handbuch der Entwicklungspsychologie. Göttingen: Hogrefe.


Autor/en

Schwarzer, G., Walper, S.