Der DORSCH in der 18. Auflage: das Standardwerk der Psychologie!

Die Geschichte des Dorsch

Der Blick auf die Geschichte des Psychologischen Wörterbuches offenbart mehrere Entwicklungsphasen, die in gewisser Weise den enormen Wissenszuwachs der Psychologie widerspiegeln. 

Der Begründer des Psychologischen Wörterbuches war Fritz Giese (1890 – 1935). Das Werk erschien erstmals 1921 als schmaler Band in der Reihe „Teubners kleine Fachwörterbücher“ im Leipziger Verlag B. G. Teubner, umfasste mit einem Literaturverzeichnis 170 Seiten, 1646 Stichwörter und 60 Abbildungen. Im Vorwort schrieb der  Autor: „Es will als Hilfsmittel bei der Einführung in die Psychologie, beim Lesen psychologischer Werke und Zeitschriften dienen.“ Fritz Giese war einer der Pioniere der Angewandten Psychologie nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland. Er wurde 1914 von Wilhelm Wundt und Otto Klemm in Leipzig promoviert. Anschließend ging er als Assistent zu dem Psychotechniker Walter Moede an die Technische Hochschule nach Berlin. Von 1923 bis 1929 war er zunächst Lehrbeauftragter für Psychologie und Allgemeine Pädagogik an der Technischen Hochschule Stuttgart, wo er sich 1924 im Fach Psychologie habilitierte. Im Jahre 1929 wurde Fritz Giese zum außerordentlichen Professor an der Technischen Hochschule Stuttgart ernannt. Er führte 1931 u.a. psychotechnische Untersuchungen in der Pforzheimer Uhrenindustrie durch und lernte bei dieser Gelegenheit Friedrich Dorsch kennen, der am Pforzheimer Arbeitsamt tätig war. 1934 wurde Dorsch an das Landesarbeitsamt Stuttgart versetzt und bald darauf Assistent von Fritz Giese. In seiner Stuttgarter Zeit besorgte Giese 1928 auch die zweite und 1935 die dritte Auflage des Psychologischen Wörterbuchs, ehe er 1935 plötzlich verstarb; dann übernahm Dorsch die Weiterarbeit an dem Wörterbuch.

Friederich Karl Georg Dorsch (geboren am 19.10.1896 in Darmstadt, gestorben am 11.3.1987 in Tübingen) hatte ab 1919 in Basel und Freiburg/Br. Philosophie, Psychologie, Pädagogik, Kunstgeschichte und Grundlagenfächer der Medizin studiert. 1923 erfolgte die Promotion zum Dr. phil. bei Karl Joel in Basel mit der Arbeit  „Über das Wesen der Kausalität“.  Von 1923 bis 1929 war er in der Privatwirtschaft tätig, dann freier Mitarbeiter von Zeitungen, danach angestellter Schriftleiter. 1930 arbeitete er für ein Jahr als Berufsberater beim Arbeitsamt Darmstadt, ab 1931 beim Arbeitsamt Pforzheim und 1934 beim Landesarbeitsamt Stuttgart. Als ehemaliger Assistent von Fritz Giese übernahm Dorsch die Weiterarbeit an dem Wörterbuch. Nach dem Zweiten Weltkrieg wechselte er im Range eines Regierungsrates zum Arbeitsamt Tübingen. An der dortigen Universität gründete er das Akademische Berufsamt und wurde dessen Leiter. 1946 bemühte sich der damalige Inhaber des psychologischen Lehrstuhls Traugott Konstantin Oesterreich um einen Lehrauftrag für Friedrich Dorsch für Vorlesungen und Prüfungen in Psychotechnik. Im Wintersemester 1947/48 erhielt Dorsch den Lehrauftrag für angewandte Psychologie an der Universität Tübingen, zunächst ohne, später „mit Gewährleistung“; diese Lehrtätigkeit nahm er bis zum Wintersemester 1970/71 wahr. Ab 1947 war Dorsch auch Prüfer bei den Diplomprüfungen für Psychologen im Fach Angewandte Psychologie. 1955 erfolgte die Ernennung zum Honorarprofessor für Angewandte Psychologie. 1958 wurde Dorsch als Berufsberater pensioniert, arbeitete aber im Akademischen Berufsamt der Universität Tübingen bis 1966 weiter.

Im Jahre 1950 besorgte Dorsch die 4. Auflage des Psychologischen Wörterbuchs unter den Autorennamen „Dorsch-Giese“ mit dem Zusatz: Begründet von Dr. Fritz Giese, neubearbeitet von Dr. Friedrich Dorsch. Die Ausgabe erschien im Verlag Dr. M. Matthiesen & Co KG in Tübingen. Schon 1952 erfolgte ein unveränderter Nachdruck als 5. Auflage des Wörterbuches durch den Verlag F. Menck in Frankfurt/Main.

Einerseits das ständig anwachsende psychologische Fachwissen nach dem Zweiten Weltkrieg, vor allem auch bedingt durch die amerikanische Psychologie, andererseits wohl auch die Lehr- und Prüftätigkeit von Friedrich Dorsch am Psychologischen Institut der Universität Tübingen veranlassten ihn, 1959 die 6., völlig revidierte Auflage des Wörterbuches herauszubringen. Im Vorwort der 6. Auflage erläuterte er: „Vier Wege wurden nun zur Ergänzung, zur Modernisierung und zur Abrundung der Neuauflage beschritten: 1. Breite Berücksichtigung der Literatur; 2. Ausführliche Würdigung der Mathematik in ihrer Bedeutung für die Psychologie; 3. Umfassende Übersicht über die psychologischen Testverfahren; 4. Vermehrung der Zahl der Stichwörter, vielfach breitere Darstellung und eingehende Erklärungen zu aktuellen, besonders auch aus der amerikanischen Psychologie übernommenen Begriffen.“ Mit Werner Traxel gewann Dorsch einen tatkräftigen Mitarbeiter, der diesen programmatischen Schritt zu realisieren half. Das Psychologische Wörterbuch erhielt nun neben einer Verdreifachung des Stichwortumfanges einen Testanhang, in den „über 300 Testautoren aufgenommen und über 500 Tests bzw. Testbezeichnungen verarbeitet“ wurden. (s. Vorwort der 6. Auflage 1959). Überdies verfasste Wilhelm Witte, ab 1954 Lehrstuhlinhaber am Psychologischen Institut, einen mathematischen Anhang, betitelt „Einführung in die mathematische Behandlung psychologischer Probleme“. Die aus dem Taschenbuchformat herausgewachsene 6. Auflage erschien nun im konventionellen Buchformat (Oktav) gleichzeitig in den Verlagen Richard Meiner, Hamburg und Hans Huber, Bern.

Wissenschaftliche Schwerpunkte der Arbeit von Dorsch bildeten neben der unermüdlichen Erweiterung und Verbesserung des psychologischen Wörterbuches die Berufseignungsdiagnostik und fachpraktische und fachhistorische Fragen der Angewandten Psychologie. Hiervon legen z.B. seine Publikation „Das  Giese-Test-System. Anwendung zur Durchführung von Berufseignungsuntersuchungen“ (Stuttgart: Wolff, 1952) sowie die vielbeachtete Monographie „Geschichte und Probleme der Angewandten Psychologie“ (Bern: Huber, 1963) Zeugnis ab. 

Schon vier Jahre nach der 6. Auflage legte Friedrich Dorsch 1963 wegen der regen Nachfrage die umgearbeitete und erweiterte 7. Auflage vor. Die psychologische Forschung entwickelte sich rasant und das psychologische Fachwissen nahm kontinuierlich zu. Demgemäß wurden nun Stichwörter aus den medizinischen Grenzgebieten Psychopathologie, Psychotherapie und Psychosomatik neu aufgenommen bzw. überarbeitet; ebenso traten von Fachvertretern verfasste Stichwörter aus der Pharmakopsychologie und Wirtschaftspsychologie hinzu. Dennoch betonte Friedrich Dorsch immer wieder, dass ein Wörterbuch nie vollständig sein könne und schrieb im Vorwort: „Trotz aller Bemühungen wird auch die vorliegende Ausgabe Wünsche offen lassen. Anregungen zu Verbesserungen und Ergänzungen sind daher sehr willkommen.“ 

Rund 50 Jahre nach dem Erscheinen des ersten deutschen psychologischen Wörterbuches legte Friedrich Dorsch 1970 unter Mitwirkung von Werner Traxel die 8. Auflage vor. Eine Reihe von äußeren Veränderungen fallen ins Auge: Das Wörterbuch hat deutlich an Umfang zugenommen und umfasst nun 658 eng bedruckte Seiten. Ein bibliographischer Anhang tritt hinzu, in dem Nachschlagewerke, Zeitschriften und Periodika sowie das Bücherverzeichnis ausgewiesen sind. Eine ganze Reihe von Wissenschaftlern, die im Vorwort dankend erwähnt werden, steuern Stichwörter aus ihren Spezialgebieten bei und aktualisieren damit den psychologischen Wissensstand des Wörterbuches. Und beim Hamburger Verlag tritt Felix Meiner an die Stelle des Seniors Richard Meiner.

Die 9. Auflage des Wörterbuches, die sich im Einband (Umfang und Farbe) von den bisherigen Auflagen abhebt, erschien 1976.  Diese Auflage hat mit voller Berechtigung den Untertitel „vollständig neu bearbeitet“  erhalten und wird mit F. Dorsch als Herausgeber „in Verbindung mit C. Becker-Carus, R. Bergius, J. Graichen, H. Häcker, G. Kaminski, G. Mikula, E. Mittenecker, E. Mühle, E. Roth und weiteren Sachbearbeitern“ und zahlreichen Autoren geführt. Die 9. Auflage war nun ganz in das Verlagsprogramm von Hans Huber übergegangen. Werner Traxel war wegen der Übernahme neuer Aufgaben ausgeschieden. Stichwortzahl und Stichwortauswahl dieser Ausgabe wurde von der rasanten Entwicklung der Psychologie bestimmt. Da zu diesem Zeitpunkt bereits eine größere Zahl von Fachbüchern mit statistischem und mathematisch orientiertem Inhalt existierten, wurde der mathematische Anhang aufgelöst und dessen statistische Begriffe in das Stichwörteralphabet eingeordnet. Die Zahl der statistischen Fachbegriffe wurde  deutlich erweitert. Neu entwickelte Tests wurden in den Testanhang aufgenommen.

Um die weitere Entwicklung der Psychologie im Wörterbuch in der 10. Auflage repräsentieren zu können, entschloss sich der Herausgeber Dorsch – zusammen mit dem Verlag – für diese 10. Auflage ein Herausgeberteam zu schaffen. Rudolf Bergius, der langjährige Direktor des Psychologischen Instituts der Universität Tübingen, wurde offiziell Mitherausgeber. Ihm und dem Gründungsherausgeber wurde ein jüngerer Mitarbeiter (Horst Ries) zur Seite gestellt. So konnte 1982 die 10. Auflage mit einem um fast 30 % gestiegenen Stichwörtervolumen – bei gleichzeitigem Erhalt der inneren Struktur des Wörterbuches – erscheinen.

Die 11. Auflage erschien 1987 mit der gleichen inhaltlichen Struktur wie die vorausgegangenen  Auflagen, sie stand aber unter dem Schatten eines besonderen Ereignisses: Friedrich Dorsch war am 11. März 1987 in seinem Tübinger Haus verstorben und hinterließ ein noch nicht satzfertiges Manuskript. Seine Nachfolge in der Herausgeberschaft hatte er bereits in einem Schreiben vom 10. Juli 1986, nachdem Rudolf Bergius aus Altersgründen ausgeschieden war, an den Verleger  Dr. C. J. Hogrefe geregelt. Er bestimmte darin Hartmut Häcker und Kurt-Hermann Stapf zu seinen Mitherausgebern. Für die Vorbereitung des druckreifen Manuskripts wurden Horst Ries die Redaktionsarbeiten übertragen. Um die immer stärker werdende Spezialisierung der psychologischen  Forschung in einem Wörterbuch fachgerecht repräsentieren zu können, haben die Herausgeber für die Vorbereitung der 12. Auflage, die 1994 erschien, ein Team von neun Gebietsbetreuern gewinnen können. Bei der 12. Auflage war dann auch der Seitenumfang auf über 1000 Seiten gestiegen. Die 13. Auflage, die bereits 1998 als überarbeitete und ergänzte Auflage erschien, hat mit insgesamt 12 Gebietsbetreuern eine weitere Umfangssteigerung um 10% erfahren.

Bei der weiterhin zunehmenden Zahl von Stichwörtern wurde die redaktionelle Arbeit der Herausgeber immer umfangreicher und die Unterstützung der Redaktionsarbeit durch ein digitales Hilfsmittel immer dringlicher. Daher wurden zur Vorbereitung der 14. Auflage bereits Vorarbeiten, z.B. die Verlinkung der Stichwörter und die Verlinkung der Autorenamen im Stichwort mit dem Literaturverzeichnis, als Basis für ein computerunterstütztes Redaktionssystem, in Auftrag gegeben. Das im Jahr 2000 von der DFG aufgelegte Förderprogramm „Informations-Infrastrukturen für netzbasierte Forschungskooperation und digitale Publikation“  wurde von den Herausgebern und dem Verlag zum Anlass genommen, einen Förderantrag für das Psychologische Wörterbuch zu stellen. Dieser Antrag wurde von den Gutachtern grundsätzlich als förderwürdig bewertet, ein Redaktionssystem für eine Neuauflage eines Wörterbuches konnte aber über dieses Förderungsprogramm nicht finanziert werden. Der Verlag hat dann für die 16. Auflage ein solches Redaktionssystem aus eigenen Mitteln finanziert und den Herausgebern zur Verfügung gestellt.

Die 14. Auflage folgte dann 2004. Sie wurde im Layout modernisiert und zweifarbig gedruckt, was die Benutzerfreundlichkeit deutlich steigerte. Für die 15. Auflage konnte die Zahl der Gebietsbetreuer nochmals erweitert werden. Neue Gebiete wie z.B. die Medienpsychologie und Grenzgebiete der Psychologie konnten einbezogen werden und traditionelle Bereiche wie z.B. die Pädagogische Psychologie, die Klinische Psychologie und die Methodenlehre wurden erweitert. Diese Auflage ist 2009 erschienen.

Für die nun vorliegende 16. Auflage stand das elektronische Redaktionssystem zur Verfügung. Neben der gedruckten Ausgabe erscheint die 16. Auflage auch als Portal im Internet. Mit dem Kauf der Druckversion erwirbt man einen Zugang zur elektronischen Version des DORSCH. Der Verlag hat für diese Auflage zusätzlich die Funktion des Geschäftsführenden Herausgebers geschaffen und diese Aufgabe Prof. Dr. Markus Antonius Wirtz  (Freiburg/Br.) übertragen. Ein Blick auf die Liste der Gebietsbetreuer zeigt nicht nur einen weiteren Zuwachs an Fachkolleginnen und Fachkollegen, sondern auch eine deutliche Verjüngung. Ein erneuter Generationswechsel hat begonnen!

 

Hartmut O. Häcker & Kurt-Hermann Stapf, Wuppertal & Tübingen