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Zielsystemtheorie

Online-Eintrag zitieren

Hennecke, M. (2018). Zielsystemtheorie. In M. A. Wirtz (Hrsg.), Dorsch – Lexikon der Psychologie. Abgerufen am 21.02.2018, von https://portal.hogrefe.com/dorsch/de/startseite/stichwort-detailseite/desktop/1/keyword/zielsystemtheorie/


Aus dem Buch zitieren

Hennecke, M. (2014). Zielsystemtheorie. In M. A. Wirtz (Hrsg.), Dorsch – Lexikon der Psychologie (18. Aufl., S. 1865). Bern: Verlag Hogrefe Verlag.
Vorsicht: Dieser Eintrag wurde seit der letzten Buchpublikation online aktualisiert.

Dr. Marie Hennecke

Universität Zürich, Psychologisches Institut, Allgemeine Psychologie: Motivation, Binzmühlestrasse 14/6, 8050 Zürich, Schweiz
m.hennecke@psychologie.uzh.ch

Literatur

Kruglanski, A. W., Shah, J. Y., Fischbach, A., Friedman, R., Chun, W. & Sleeth-Keppler, D. (2002). A theory of goal-systems. In M. P. Zanna (Ed.), Advances in Experimental Social Psychology (Vol. 34, pp. 331–376). New York: Academic Press.

(= ZT.) [engl. theory of goal systems], [EM, KOG], gemäß der ZT. von Kruglanski et al. (2002) können motivationale Prozesse (Motivation) wie Persistenz und Leistung beim Zielstreben, die Auswahl von Mitteln zur Zielverfolgung und das Erleben der Zielverfolgung auf der Basis kogn. Repräsentationen und Mechanismen erklärt werden. Ziele (= Z.) sind demnach wie semantische Wissensstrukturen  im Gedächtnis von Personen repräsentiert. Hat eine Person die Absicht oder ist gerade dabei, ein Z. zu verfolgen (z. B. abzunehmen), ist dieses Z. in ihrem Gedächtnis aktiviert, also kogn. zugänglich. Nachweisbar z. B. durch eine lexikalische Entscheidungsaufgabe: Wörter, die mit dem Z. in Verbindung stehen (z. B. schlank) werden schneller erkannt als andere Wörter. Ebenso wie in semantischen Netzwerken kogn. Aktivierung (= k. A.) von einem Bestandteil des Netzwerks zum nächsten übertragen wird – der Begriff «Hund» aktiviert z. B. die mit ihm bedeutungsmäßig verknüpften Konzepte «Tier» und «Terrier» – breitet sich auch k. A. zw. verbundenen Repräsentationen in Z.systemen (= ZS.) aus. Neben dem angestrebten Z.zustand sind demnach auch mit ihm verbundene Mittel der Z.verfolgung (z. B. Diät, Jogging) sowie übergeordnete Z. (z. B. Schönheit, Gesundheit) ko-aktiviert – sie bilden das Zielsystem. So aktiviert das Mittel «Jogging» das Z. «Abnehmen» bei jemandem, der Jogging zu diesem Zweck nutzen will. Denkt diese Person an «Jogging», wird bei ihr auch der Gedanke ans «Abnehmen» aktiviert. Umgekehrt aktiviert die Person beim Gedanken an den angestrebten Z.zustand «Abnehmen» auch die k. R. des Mittels «Jogging», wenn sie dieses Mittel vorher bereits mit dem Z. in Verbindung gebracht hat. Im Ggs. zur Erregungsübertragung in semantischen Netzwerken wird Erregung in ZS. nicht zw. semantisch verknüpften Konzepten sondern zw. funktional miteinander verknüpften Konzepten übertragen: Während die Begriffe «schlank» und «Jogging» z. B. keine enge semantische Verbindung aufzeigen, kann für jemanden, der vorhat, schlank zu werden, Jogging durchaus funktional für die Erreichung dieses Z. sein und somit als Mittel gelten.


Determinanten der Stärke der Assoziation von Mitteln und Z. und damit auch der Erregungsübertragung zw. diesen Bestandteilen des ZS.: Wurde ein Mittel in der Vergangenheit immer wieder mit einem Z. assoziiert (z. B. Jogging mit dem Z. Gewichtsreduktion), ist es infolge stärker kogn. mit ihm verbunden und wird stärker durch das Z. ko-aktiviert als alternative Mittel, die weniger häufig zur Z.verfolgung eingesetzt wurden (z. B. Fahrradfahren). Ähnlich dem sog. Fan-Effekt (Fächereffekt) in semantischen Netzwerken wird das Gesamtmaß der Erregung, die z.B. von einem Z. auf seine Mittel übertragen wird, auch geteilt durch die Anzahl der Mittel, die mit diesem Z. assoziiert sind: Gibt es nur ein Mittel zu einem Z., wird die vom Ziel ausgehende Erregung auch nur exklusiv an dieses Mittel übertragen. Die Ko-Aktivierung ist somit hoch und die Anwendung dieses einen Mittels zur Z.verfolgung besonders wahrscheinlich. Sind hingegen mehrere Z. mit einem Mittel erreichbar (Multifinalität liegt vor, weil man «mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen kann») oder mehrere Mittel mit einem Z. verbunden (Äquifinalität liegt vor, weil «viele Wege nach Rom» führen), so sind die jew. Erregungspfade weniger stark ausgeprägt. Mittel, die nur einem Z. dienen, werden, solange nur dieses Z. verfolgt werden soll, eher eingesetzt, als Mittel die gleichzeitig noch weiteren, momentan nicht relevanten Zielen dienen (Verwässerungseffekt [engl. dilution effect]). Sind in einer Situation jedoch mehrere Z. aktiviert, ist insbes. der Einsatz von Mitteln wahrscheinlich, die mit all jenen Z. assoziativ verknüpft sind. Die Aktivierung solch multifinaler Mittel ergibt sich aus der Summe der von allen aktiven Z. auf diese Mittel übertragenen Ko-Aktivierung. Je mehr Mittel es hingegen zur Verfolgung eines Z. gibt, desto weniger stark werden diese Mittel aufgrund der aufgeteilten Erregung ko-aktiviert.


Zw. Bestandteilen von ZS. gibt es nicht nur erregungsübertragende, sondern auch erregungshemmende Verbindungen. Z., die miteinander nicht vereinbar sind, z. B. Gesundheit und Genuss, wenn es um Ernährung geht, hemmen sich gegenseitig. Ist eine Person an ein Z. stark gebunden, wird bei A. dieses Z. die k. Zugänglichkeit potenziell konkurrierender Ziele reduziert (Z.abschirmung [engl. goal shielding].) Neben k. A. werden in ZS. auch andere Eigenschaften übertragen. Dazu zählt zum einen die Z.bindung: Ist ein Z. einer Person sehr wichtig, besitzen auch die Mittel zur Verfolgung des Z. einen höheren subj. Wert. Dies gilt umso mehr, je weniger alternative Mittel es zu diesem Z. gibt. Die Z.bindung überträgt sich dabei umso mehr auf einzelne Mittel, je weniger dieses Mittel sie sich mit anderen konkurrierenden, assoziierten Mitteln «teilen» muss. Auch Emotionen werden innerhalb von ZS. übertragen: Emotionen, die mit der Z.erreichung assoziiert werden, färben auch affektiv das Erleben der Mittel der Z.verfolgung. Z. B. geht die Verfolgung von Vermeidungsz. (Vermeidungs-Leistungsziel), mit denen Personen neg. Konsequenzen verhindern wollen, auch eher mit dem Erleben vermeidungsrelevanter Emotionen wie z. B. Erleichterung oder Anspannung einher. Die Verfolgung von Annäherungsz. (Annäherungs-Leistungsziel), mit denen Personen pos. Konsequenzen anstreben, geht hingegen eher mit dem Erleben annäherungsorientierter Emotionen wie z. B. Stolz oder Enttäuschung einher. Zielfokus, Prozessfokus und Ergebnisfokus.


Autor/en

Marie Hennecke

Literatur

Kruglanski, A. W., Shah, J. Y., Fischbach, A., Friedman, R., Chun, W. & Sleeth-Keppler, D. (2002). A theory of goal-systems. In M. P. Zanna (Ed.), Advances in Experimental Social Psychology (Vol. 34, pp. 331–376). New York: Academic Press.